Umstellung der Nahrung auf weiche, homogene Konsistenzen zur Verbesserung der Schluckbarkeit

Medizin-Tipp

Neurogene Schluckstörungen am Beispiel des Morbus Parkinson

Der Schluckakt ist ein sehr komplexer Vorgang, der dazu dient, Flüssigkeiten und Nahrung aus dem Mund in die Speiseröhre zu befördern, ohne dass diese in die Atemwege gelangen. Dieser Vorgang wird willkürlich vorbereitet; durch Reizung des hinteren Zungenanteils wird der Schluckreflex in Gang gesetzt, so dass alle weiteren Abläufe nicht mehr willentlich beeinflusst werden können. Dafür ist die Intaktheit zahlreicher anatomischer Strukturen erforderlich: Schluckzentren im Bereich des Groß- und Stammhirns, mehrere Nerven, die die Sensibilität und korrekte Beweglichkeit von Mundhöhle, Zunge und Rachen gewährleisten, sowie die Speiseröhre (siehe Abb. 1). Somit ist es nicht verwunderlich, dass zahlreiche Erkrankungen, die zu einer Funktionsstörung einer oder mehrerer dieser Strukturen führen, eine Schluckstörung (auch „Dysphagie“ genannt) verursachen können.
 
Auch zahlreiche neurologische Erkrankungen können eine Dysphagie machen, wenn die am Schluckakt beteiligten Gehirn-/ Nervenstrukturen oder Muskeln geschädigt sind. Beispielhaft soll im Weiteren erläutert werden, wie/warum es beim Morbus Parkinson zu einer Dysphagie kommen kann.

Schluckstörung bei Morbus Parkinson
Der Morbus Parkinson ist eine sog. neurodegenerative Erkrankung, bei der – langsam über Jahre fortschreitend – bestimmte neurologische Funktionssysteme zugrunde gehen. Besonders betroffen ist die Substantia nigra, ein Nervenzellgebiet in der Tiefe des Gehirns, das mit dem Botenstoff Dopamin „arbeitet“. Der fortschreitende Verlust von dopaminproduzierenden Zellen führt zu einer ganzen Reihe von Krankheitserscheinungen. Dabei sind die Störungen der Bewegungsfähigkeit besonders augenfällig: Erste Symptome sind eine Steifigkeit der Muskulatur, eine Bewegungsverlangsamung, die sich z.B. darin äußert, dass feine Handbewegungen (wie z.B. Schreiben) nicht mehr präzise durchgeführt werden können, und bei manchen – aber nicht allen Patienten – ein unwillkürliches Zittern einer Körperregion. Typisch ist, dass die Symptome sich schleichend entwickeln und zunächst nur eine Körperhälfte betroffen ist. Diese Symptome, die (vereinfacht ausgedrückt) v.a. durch den Dopaminmangel verursacht sind, können durch eine entsprechende medikamentöse „Dopamin-Ersatz-Therapie“ oft gut gebessert werden. Wenn der Morbus Parkinson im Verlauf der Jahre weiter fortschreitet, entwickeln sich bei vielen Patienten weitere Krankheitserscheinungen, die nicht allein durch einen Dopaminmangel ausgelöst werden. So kann es beispielsweise zu Blasen-, Verdauungs- und Kreislauffunktionsstörungen kommen oder auch zu Beeinträchtigungen der geistigen Leistungsfähigkeit.
 
Ebenso leiden sehr viele Betroffene im Krankheitsverlauf unter einer Verschlechterung von Stimme und Sprechfähigkeit sowie auch unter einer Schluckstörung. Diese Symptome treten oft gemeinsam auf, da für die Vorgänge von Sprechen und Schlucken ganz ähnliche Muskelgruppen eingesetzt werden.

Symptome einer Dysphagie
Betroffene nehmen die Schluckstörung subjektiv nicht immer in vollem Ausmaß wahr, so dass auf bestimmte „Warnzeichen“ geachtet werden und Symptome konkret abgefragt werden müssen. Dazu gehören u.a. vermehrtes Räuspern und Husten (insbesondere beim Essen) als Hinweis für ein „Verschlucken“, eine ungewollte Gewichtabnahme (durch verlangsamtes Essen), ein Herauslaufen des Speichels (durch eine Verringerung des Schluckreflexes) sowie – als unmittelbar gefährlichste Komplikation – Lungenentzündungen, weil Nahrungsbestandteile in die Luftröhre gelangen.

Komplikationen einer Dysphagie
Die Lungenentzündung durch ungewollt in den Atemtrakt gelangte Nahrungsanteile ist zwar die am meiste gefürchtete Komplikation der Dysphagie. Es kann aber auch zu weiteren Problemen kommen, z.B. zu einer unzureichenden Wirkung von Medikamenten, die nicht geschluckt werden, sondern unbemerkt im hinteren Bereich des Rachens verbleiben. Dadurch, dass der Essvorgang länger dauert, ist die Nahrungsaufnahme oft unzureichend, mit resultierendem Gewichtsverlust. Das unzureichende Schlucken des Speichels, der dann passiv aus dem Mund läuft, wird vom Betroffenen oft als ausgesprochen stigmatisierend und belastend empfunden.

Diagnose einer Dysphagie
Zunächst ist es wichtig, aufmerksam für das Problem der Schluckstörungen zu sein und Parkinsonpatienten – insbesondere solche, bei denen auch eine relevante Sprechstörung besteht – aktiv nach o.g. Symptomen zu befragen. Bei begründetem Verdacht sollte dann eine weitere Diagnostik erfolgen. Dazu gehören:
  • eine genaue Analyse des Schluckaktes durch eine/n Sprechtherapeuten/-in (Logopädin)
  • bei Bedarf zusätzliche, apparative Diagnostik, mit der der Schluckakt genauer dargestellt werden kann, z.B. mittels Röntgen-Durchleuchtung oder einer Betrachtung des Schluckvorgangs mit einem flexiblen Endoskop, das über ein Nasenloch in den Rachenraum vorgeschoben wird (FEES – fiberoptic endoscopic evaluation of swallowing)
Therapieprinzipien der Dysphagie
In Zusammenarbeit von Neurologen, Logopäden, Ernährungsberatung und dem Betroffenen und seinen Angehörigen müssen die individuell im Vordergrund stehenden Probleme identifiziert und gezielt adressiert werden: Da es nur sehr wenig medikamentöse Möglichkeiten zur Besserung der Dysphagie gibt, ist bei milder Ausprägung eine Schlucktherapie in Kombination mit einer Anpassung der Nahrungskonsistenzen Therapie der Wahl (Abb. 3). Bei schwerer Schluckstörung kann die Anlage einer dauerhaften Magensonde (über einen kleinen Schnitt durch die Bauchdecke) erforderlich sein.

Auch wenn die Dysphagie hier am Beispiel des Morbus Parkinson dargestellt wurde, gibt es eine Reihe weitere Erkrankungen, die zu einem schleichenden Verlust der Schluckfähigkeit führen können: dazu gehören u.a. sog. atypische Parkinson-Syndrome wie die Multisystematrophie (MSA) und die progressive supranukleäre Blickparese (PSP) sowie auch die amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Die Prinzipien von Diagnostik und Therapie sind aber ähnlich wie bei einer Parkinson-bedingten Dysphagie.

Priv.-Doz. Dr. med. Sabine Skodda
Priv.-Doz. Dr. med. Sabine Skodda
Ltd. Oberärztin der Klinik für Neurologie
Nationales Krankenhaus
KTQ-Zertifikat